Meldungen aus dem Landesverband Hamburg

Anlässlich des Romani Resistance Days

Das Schicksal einer Hamburger Familie

Landesverband Hamburg

Am 16. Mai 1944 sollte der Lagerabschnitt B II des sogenannten „Zigeunerlagers Auschwitz“ aufgelöst und alle dort inhaftierten Menschen in Gaskammern umgebracht werden - doch die Menschen leisteten erfolgreich Widerstand.

Josephine Schultz, geb. Wiegand wohnt 1943 im Grimmsgang 10, einer kleinen Gasse, die an die Kurze Reihe (heute Königsreihe) anschließt. Sie lebt dort mit ihren beiden Kindern Adolf Schultz und Heinz Wiegand.
„Mit ausgestreckten Armen reicht man von einer Straßenbreite an die andere"[1], so wird der Ort in einem Zeitungsartikel beschrieben. Weiter heißt es: „‘Grimmsgang‘ ist einfach mit stechend gelber Farbe an eine schwarze Hauswand gekritzelt. Die Häuser zu beiden Seiten der Gasse sind klein und unansehnlich.“[2]

Orte wie der Grimmsgang waren damals weit verbreitet, da Sinti* und Roma* oftmals aus dem ländlichen Raum an den Stadtrand vertrieben wurden. Die Kurze Reihe stellte bis zum Groß-Hamburg-Gesetz im Jahr 1937 die Grenze Hamburgs dar. In Zeitungsartikeln ist häufig vom „Zigeunerviertel" die Rede, Nachrichten über Vorkommnisse in der Straße bekommen immer den Zusatz „Zigeuner“ – „Zigeunerfamilie“, „Zigeunerschlacht“, „Zigeunergewitter“.  

„Die bisher bei der Bekämpfung der Zigeunerplage gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse lassen es angezeigt erscheinen, die Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus in Angriff zu nehmen. Erfahrungsgemäß haben die Mischlinge den größten Anteil an der Kriminalität der Zigeuner. Andererseits hat es sich gezeigt, daß die Versuche, die Zigeuner seßhaft zu machen, gerade bei den rassereinen Zigeunern infolge ihres starken Wandertriebes mißlungen sind. Es hat sich deshalb als notwendig erwiesen, bei der endgültigen Lösung der Zigeunerfrage die rassereinen Zigeuner und die Mischlinge gesondert zu behandeln. Zu diesem Zweck hat der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei ausführliche Anweisungen erlassen. Zur Erreichung des Zieles ist es zunächst erforderlich, die Rassenzugehörigkeit der im Reiche lebenden Zigeuner und nach Zigeunerart umherziehenden Personen festzustellen“

Hamburger Nachrichten vom 15.12.1938³

Am 10.03.1943 wird eine Großzahl an Sinti und Roma, basierend auf dem Erlass des Reichssicherheitshauptamtes vom 29.01.1943, in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. In Auschwitz-Birkenau existiert zu diesem Zeitpunkt ein gesondertes „Zigeunerlager“, in welches „Zigeunermischlinge“, „Rom-Zigeuner“ und „balkanische Zigeuner“  auf Anweisung Heinrich Himmlers eingeliefert und ermordet werden sollen. So sollte die „Zigeunerfrage“ endgültig gelöst werden.

Josephine Schultz ist alleinerziehende Mutter von zwei minderjährigen Kindern, als sie deportiert werden. Heinz Schultz war zu dem Zeitpunkt gerade einmal zwei Jahre alt. Sein Name taucht laut den vorliegenden Dokumenten lediglich in der Transportliste der Stadt Hamburg auf, danach verliert sich die Spur. Aufgrund seines Alters kann davon ausgegangen werden, dass die Strapazen des Transports und die menschenverachtende Behandlung zu seinem frühen Tod geführt haben. 
Über den Zeitpunkt von Josephine Schultz' Tod kann ebenfalls nur spekuliert werden. Lediglich ein negatives Diphtherie-Testergebnis vom 24.09.1943 lässt darauf schließen, dass sie nach ihrem jüngeren Sohn verstorben ist. 

Adolf Schultz hingegen überlebte. Inhaftiert mit der Häftlingsnummer Z3264, erkrankte er kurz nach seiner Ankunft am 30.04.
Knapp ein Jahr später wurde er nach Buchenwald weiterdeportiert. Bei der Einlieferung trug er an/bei sich:

  • Mütze
  • Rock
  • zwei Hosen
  • Oberhemd
  • Gummistiefel

1944 kam er in das KZ Flossenbürg und wurde schließlich vom Außenlager Johanngeorgenstadt aus im Februar 1945 entlassen. Unklar ist, wie es zu einer erneuten Festnahme kam, denn seine letzte Station vor der Befreiung ist Theresienstadt. 

Mithilfe eines Anwalts stellt er im Jahre 1958 eine Anfrage an den Internationalen Suchdienst in Arolsen, um herauszufinden, ob sein Stiefbruder Heinz Wiegand die Haft überlebt hat. 
Mit dem Verweis auf einen fehlenden Todesnachweis kann für Heinz Wiegand keine Sterbeurkunde ausgestellt werden. 

Der Grabstein von Josephine Schultz liegt heute auf dem Friedhof Tonndorf, vor der Kriegsgräberstätte für die Bombenopfer der Angriffe von 1943. 


[1] Hamburger Nachrichten - 1930-06-25 - State and University Library Hamburg Carl von Ossietzky, Germany - Public Domain.
www.europeana.eu/de/item/9200338/BibliographicResource_3000117632892

[2] ebd.

[3] Hamburger Nachrichten - 1938-12-15 - State and University Library Hamburg Carl von Ossietzky, Germany - Public Domain.
www.europeana.eu/de/item/9200338/BibliographicResource_3000119003378

 

Weitere Quellen:

www.geschichtswerkstatt-wandsbek.de/lexikon-wandsbek/

www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-erlassen-das-dekret-zur-deportation-der-sinti-100.html

Alle uns vorliegenden Dokumente aus den erwähnten Konzentrationslagern wurden durch die Arolsen Archives bereitgestellt. Einige Dokumente stammen aus dem Archiv des staatlichen Museums in Auschwitz oder der KZ-Gedenkstätte Dachau.

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