Meldungen aus dem Landesverband Hamburg

Gedanken zum 3. Mai

Ein Beitrag von Dr. Christian Lübcke

Förderverein Ohlsdorfer Friedhof

Im Mai 1945, vor 77 Jahren, schwiegen in Europa endlich die Waffen. Ein brutaler, grausamer Krieg, der millionenfachen Tod und millionenfaches Leid über die ganze Welt gebracht hatte, ging zu Ende. Am 3. Mai 1945 wurde Hamburg durch britische Truppen besetzt, die Herrschaft der Nationalsozialisten war vorbei. Es ist merkwürdig in diesem Jahr an dieses Kriegsende zu erinnern, wenn andernorts in Europa gekämpft wird. Natürlich ist es grundsätzlich nichts Neues, in Deutschland an das Ende des Zweiten Weltkrieges zu erinnern, wenn andernorts auf der Welt Krieg geführt wird. Auch dass ein Konflikt in Europa ausgetragen wird und sich Völkerrechtsverbrechen direkt vor den Augen der EU-Staaten ereignen, ist nun nichts vollkommen Neues. Noch deutlich sind die Erinnerungen an den Balkankonflikt der 90er Jahre vorhanden. Namen wie Srebrenica werden auf ewig unvergessen bleiben.

Doch mit jedem neuen Konflikt erscheint die Situation verworrener und bizarrer. Am 3. Mai 2022 erinnert man in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in eine großen Gedenkveranstaltung an die Befreiung vor 77 Jahren, man erinnert sich an die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Diese Opfer - in Hamburg alleine sind es Tausende - sie liegen noch immer auf deutschen Kriegsgräberstätten. Auch in Hamburg sind diese Kriegsgräberstätten vorhanden. Es sind über 30 Friedhöfe mit Kriegsgräbern, es gibt sie in jedem Bezirk. Zu den größten Opfergruppen gehören die sowjetischen Kriegstoten. Es sind Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge. Ukrainer und Russen liegen hier Seite an Seite. Die gleiche Geschichte das gleiche Schicksal. Viele dieser Geschichten müssen noch aufgearbeitet werden, viele Fragen sind noch nicht beantwortet. Auf der Kriegsgräberstätte Hamburg-Bergedorf liegen alleine über 650 sowjetische Kriegstote. Russen? Ukrainer? Ihre Mörder unterschieden nicht. In Grab Nr. 272 liegt - laut seiner Sterbeurkunde – „der russische Zivilarbeiter“ Alexei Piwtorak, der am 27. März 1943 in Bergedorf verstarb. Todesursache: Herzschwäche – eine Todesursache, die damals vor allem bei sowjetischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen verdächtig oft vorkam. Der „Zivilarbeiter“ Alexei, der angeblich an Herzschwäche starb, war zum Zeitpunkt seines Todes gerade 16 Jahre alt. Nur drei Gräber entfernt, in Grab Nr. 269 liegen die Gebeine des ukrainischen „Ostarbeiters“ Juri Pilibenko, 15 Jahre alt. Er wurde am 29. Juli in Neuengamme auf einem Hof entdeckt, nachdem er sich von seinem Arbeitsplatz entfernt hatte. Die Polizei ging davon aus, dass er sich dort erhängte. 
Wäre man noch vor einem Jahr vor den Gräbern dieser Jungen auf- und abgegangen, niemals hätte man sich vorstellen können, dass Russland einen Krieg in der Ukraine führen, dass Kriegsverbrechen begangen werden könnten, wie sie nun auf ukrainischem Boden geschehen. 

Vor dem Hintergrund dieser traurigen, schier unbegreiflichen Realität eines solchen Krieges auf europäischem Boden gewinnt die Bildungs- und Erinnerungsarbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. jedoch nicht weniger, sondern umso größere Bedeutung. Die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart und das Aufarbeiten der eigenen Geschichte ist keine Frage des Alters oder der Nationalitäten. Gleiches gilt für den internationalen Austausch - einen Austausch der hilft, auch andere Sichtweisen besser zu verstehen. Vor allem junge Menschen entwickeln auf diese Weise eine eigene Haltung, schlagen eine Brücke von der Geschichte zur Gegenwart und lernen, sich für Toleranz, Demokratie und Frieden zu engagieren.
 

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