Meldungen aus dem Landesverband Hamburg

Reden anlässlich des Volkstrauertages

Ehemalige Praktikant*innen des Volksbundes Hamburg teilen ihre Gedanken anlässlich des Volkstrauertages - Kranzniederlegung Hamburger Senat & Bürgerschaft in Ohlsdorf - geschlossene Veranstaltung in KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Volkstrauertag 2020 - Es war geplant, diesen wichtigen Tag des Gedenkens an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft öffentlich zu begehen, doch die anhaltende Covid-19-Pandemie machte eine öffentliche Gedenkstunde in der Hauptkirche St. Michaelis in diesem Jahr unmöglich.

Frau Nadine Weiß und Herr Tim Schaale-Freyth, Studierende der Helmut-Schmidt-Universität, hätten an diesem Tag ihre Reden vor einem großen Publikum und übertragen durch den NDR halten sollen. Beide absolvierten im Sommer dieses Jahres ein Praktikum in der Hamburger Geschäftsstelle des Volksbundes und unterstützten alle Arbeiten des kleinen Teams hervorragend.

Die Auseinandersetzung mit ihrem Praktikum und den Themen, denen sie beim Volksbund und in ihrem Alltag begegneten, veranlasste sie dazu, für den Volkstrauertag Redebeiträge zu verfassen. Wie in jedem Jahr, so hätte der Volksbund Hamburg auch in diesem Jahr im Michel einen „Jungen Beitrag“ präsentiert.

Nach dem „Teil-Lockdown“ im November wurde nach Möglichkeiten gesucht, den beiden Freiwilligen doch noch eine Plattform zu geben, auf der sie ihre Gedanken mit Interessierten teilen konnten.

Diese Plattform fand sich für Frau Weiß im Rahmen der Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung auf dem Friedhof Ohlsdorf. Die dortige Gedenkveranstaltung wurde durch den Hamburger Senat und die Hamburger Bürgerschaft organisiert: Anders als im Michel, war es unter freiem Himmel möglich, eine geringe Zahl an Teilnehmenden zu empfangen und die strengen Hygienevorschriften einzuhalten.

Nach den Kranzniederlegungen sprachen Hamburgs Erster Bürgermeister, Dr. Peter Tschentscher, der Vorsitzende der Hamburger Stiftung Hilfe für NS-Verfolgte, Stefan Romey und die ehemalige Praktikantin beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Nadine Weiß. Das Totengedenken wurde von der Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, Carola Veit, verlesen.  

Die Reden von Frau Weiß und Herrn Schaale-Freyth finden Sie untenstehend.

Eine geschlossene Veranstaltung fand am Sonntag in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme statt -  ebenfalls unter freiem Himmel.

 

Der Volksbund Hamburg hofft, dass Sie Gelegenheit hatten, zumindest im Privaten aller Toten von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken.

Informationen über den Ablauf der Gedenkveranstaltung im Plenarsaal des Bundestages in Berlin unter Mitwirkung von Prince Charles erhalten Sie hier.

 

 

Nadine Weiß - Rede anlässlich des Volkstrauertages 2020

Nadine Weiß:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke meinen Vorrednern. Wir sind heute hier, um zu erinnern, gedenken und zu trauern. Ich möchte mich herzlich für die Möglichkeit bedanken, heute vor Ihnen sprechen zu dürfen. Es ist mir eine große Ehre.

Mein Name ist Nadine Weiß und ich verkörpere verschiedene Rollen. Das Offensichtlichste: Ich bin Soldat. Um genau zu sein, bin ich Offizier der deutschen Luftwaffe. Außerdem bin ich Studierende an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr. Allerding bin ich ebenso eine junge Frau und ehemalige Praktikantin des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Hamburg.

Durch diese Rollen, die ich heute innehabe, fällt mir diese Rede heute besonders schwer. In den Medien tauchten in jüngster Vergangenheit mehrfach Schlagzeilen auf, die einen Zusammenhang zwischen der Bundeswehr und der rechten Gesinnung herstellten. Von dieser Gesinnung möchte ich mich bewusst distanzieren.

Ich möchte Ihnen ein Zitat von Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler unserer Bundesrepublik vortragen:

„Demokratie ist mehr als eine parlamentarische Regierungsform, sie ist eine Weltanschauung, die wurzelt in der Auffassung von der Würde, dem Werte und den unveräußerlichen Rechten eines jeden einzelnen Menschen. Eine echte Demokratie muß diese unveräußerlichen Rechte und den Wert eines jeden einzelnen Menschen achten im staatlichen, im wirtschaftlichen und kulturellen Leben. Wer wirklich demokratisch denkt, muß Achtung vor dem anderen, vor dessen ehrlichem Wollen und Streben haben.“

Der 75zigste Jahrestag zum Ende des Zweiten Weltkriegs hat auch für mich persönlich eine tiefgreifende Bedeutung. Ich bin 1998 in Deutschland geboren, in einem Deutschland, in dem die Freiheit, Gleichheit und Einigkeit das Fundament der Demokratie bilden. Ich habe weder den Ersten noch den Zweiten Weltkrieg erlebt, auch nicht die Teilung Deutschlands in die Bundesrepublik und die DDR.

Ich wurde in ein vielfältiges und buntes Deutschland hineingeboren und trotz allem lebt die Erinnerung an die Weltkriege in Erzählungen und Gedenken in meiner Weltwahrnehmung weiter. Dies ist mir eine Herzensangelegenheit und ich vertrete felsenfest die Überzeugung, dass die Gestorbenen der beiden Weltkriege nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Es existieren zahlreiche Zeitzeugenberichte, die die Schrecken des Zweiten Weltkrieges für die Nachwelt nachvollziehbar schildern. Ebenso ergeht es uns mit dem Ersten Weltkrieg. In den beiden Kriegen verloren Millionen Menschen verschiedener Nationalitäten und Konfessionen ihr Leben.

Viele Familien wurden auseinandergerissen. Auch meine Familie musste den Schmerz des Verlusts eines geliebten Menschen verarbeiten. Mein Großonkel starb 1942 in Ägypten im Alter von gerade einmal 19 Jahren. Dieser Verlust eines viel zu jungen Menschen prägt meine Familie bis heute.

Nicht nur Soldaten, sondern auch unvorstellbar viele Zivilisten fielen den beiden Weltkriegen zum Opfer. Man denke da an die Bombardierungen von London, Hamburg und Hiroshima. Im militärischen Sinne gelten Verdun und Stalingrad als signifikant. Millionen von Menschen wurden Opfer von staatlicher Gewalt. Unzählige dieser Menschen gelten bis heute noch als vermisst oder wurden noch nicht auf angemessenen Grabstätten zur letzten Ruhe gebettet. Unsere Aufgabe ist es auch heute noch diese Menschen zu würdigen, denn ihre Leben waren kostbar und sollten mit dem nötigen Respekt behandelt werden. Die Aufgabe des Gedenkens ist heute immer noch von größter Wichtigkeit.

Nicht zu vergessen ist: Wir sind alle Menschen. Und als solche sollten alle Opfer, egal welcher Nationalität oder Religion sie angehörten, behandelt werden. Nicht umsonst heißt es in unserem Grundgesetzt schon im ersten Artikel:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (…)“

Aber die bereits genannten Werte Freiheit, Gleichheit und Einigkeit sind auch in Deutschland gefährdet. Verbrechen aus Fremdenhass kann man leider nicht von der Hand weisen. Im Kalenderjahr 2020 mussten wir mit großem Erschrecken nach Hanau aber auch nach Hamburg schauen. Im Jahr davor nach Halle.

Die Taten resultieren aus Vorurteilen und Fremdenhass. Das ist falsch. Die Bundesrepublik Deutschland zeichnet sich durch eine kulturelle Vielfältigkeit aus, die als solches nicht zerstört werden darf. Unser Grundgesetz und unser moralischer Kompass geben uns vor in Frieden und Freiheit miteinander zu leben. Die Würde dieser Menschen wurde vorsätzlich missachtet. So etwas darf nicht geschehen. So etwas darf nicht noch einmal geschehen.

Die Zerstörung durch die Weltkriege hat gezeigt, wozu der Mensch imstande ist. Unsägliche Grausamkeit und Menschenverachtung.

Heute gibt es die Europäische Union, die Europa zu einem weltoffenen Ort macht. Integration, Innovation und der Friedensschutz sind europäische Grundwerte und Ziele. Es ist die Pflicht eines Jeden, diese zu schützen. Diese Aufgabe muss gemeinsam angegangen werden. Denn es darf nie wieder so etwas geschehen wie 1914 und 1933. Es liegt an jedem Einzelnen. Dafür müssen wir alle gemeinsam einstehen. Vielen Dank.

Tim Schaale-Freyth - Rede anlässlich des Volkstrauertages 2020

Tim Schaale-Freyth:

Sehr geehrte Damen und Herren,

meine Name ist Tim Schaale-Freyth, ich bin 30 Jahre alt und studiere Geschichte an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Im Rahmen des Studiums absolvierte ich ein Praktikum beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Hamburg. In diesem Zusammenhang erhielt ich das Angebot, diese Rede zu halten. Somit stehe ich heute nicht nur als Soldat, sondern besonders als Staatsbürger, der auch Uniform trägt, vor Ihnen.

„Demokratische Werte sind unsterblich“

Diesen Ausspruch habe ich auf einem Banner in meiner Heimatstadt Kassel gelesen. Urheber ist das dortige Regierungspräsidium. Damit soll – ich zitiere erneut – „ein deutliches Zeichen dafür gesetzt werden, dass in Kassel und der Region kein Platz für rechte Gewalt und Intoleranz ist.“

 „Demokratische Werte sind unsterblich“

Für eine Generation wie die meiner, die weder die Teilung Deutschland in zwei sich feindlich gesinnte Staaten kennt, noch die Schrecken der Weltkriege oder der NS-Diktatur, drückt dieser Slogan eine alltägliche Realität aus. Er scheint beinahe überflüssig.

„Demokratische Werte sind unsterblich“

Am 15. November begehen wir alljährlich gemeinsam den Volkstrauertag im Gedenken an alle Opfer von Krieg und Gewalt. Einige unter Ihnen gedenken nicht nur – nein, Sie erinnern sich. Sie erinnern sich an geliebte Menschen, die der Krieg Ihnen nahm. Sie erinnern sich an Bombennächte, an die Enge der Luftschutzräume, an Flucht und Vertreibung; an die Unmenschlichkeit einer Diktatur. Sie erinnern sich an die Vergänglichkeit von Werten – auch der demokratischen. Die Konsequenz, die von vielen aus diesen Erfahrungen gezogen wurde, war einfach wie genial – nämlich - Nie wieder Krieg!
 

„Demokratische Werte sind unsterblich“

Für Menschen, die die Erinnerung an Krieg in sich tragen, ist dies eine Forderung – ein Versprechen den Nachfolgenden gegenüber - gegen das Vergessen.
In einer Zeit der medialen Überreizung, in der über Hashtags kommuniziert wird, in der die Selbstdarstellung auf sozialen Medien für viele Menschen der Dreh und Angelpunkt des Selbstverständnisses ist, kann auch dieser Ausspruch schnell zu einer Worthülse unter vielen verkommen.
 

„Demokratische Werte sind unsterblich“

Klingt für mich wie ein Mantra. Eine Selbstvergewisserung, dass alles gut sei und alles gut bleiben wird. Gerecht und Frei. Weil dies schon immer so war – weil es ein Naturgesetzt sei.
Doch das Rad der Zeit dreht sich unaufhaltsam weiter. Und Worte – wie wir alle wissen – sind Schall und Rauch. – Solange ihnen keine Taten folgen.

„Demokratische Werte sind STERBLICH“

Und nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart lehrt uns:

Wenn im Kaukasus der Machtkampf der neuen Despoten auf Kosten von Zivilisten eskaliert;
wenn sich Europas letzte Autokratie – wie Belarus gerne genannt wurde – mit Waffengewalt versucht, am Leben zu halten
Wenn die Pflicht zum Schutz des Lebens von Ertrinkenden im Mittelmeer zur Debatte steht.
Wenn der Alltag von einem tödlichen Virus bestimmt wird.
Wenn Reichskriegsflaggen vor dem Deutschen Bundestag wehen,
Wenn hier in Hamburg jüdische Mitbürger auf Grund ihres Glaubens angegriffen werden,
Wenn Terror die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Deutschland bedroht,
dann ist es an der Zeit, sich einzugestehen wie verletzlich, wie zerbrechlich demokratische Werte sind.

„Demokratische Werte sind sterblich“


In einer Demokratie gehört es dazu – nein, vielleicht ist die Essenz einer freiheitlich demokratischen Grundordnung, dass wir nicht alle einer Meinung sind, dass wir uns streiten, debattieren und aneinandergeraten. Das Ziel dabei sollte bleiben, einen Konsens zu finden, mit dem wir als Gesellschaft gemeinsam leben können.
Dabei dürfen wir nicht dem Trugschluss erliegen, dass wer am lautesten schreit, Recht hat. Sondern wir müssen daran erinnern, behutsam und bedächtig diskutieren, sodass auch die leisesten Stimmen gehört werden.

Nur gemeinsam lässt sich gegen das Vergessen arbeiten und verhindern, dass wir die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Und so werden wir „Demokratischen Werten, die unsterblich sein sollten“ gerecht.

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